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[Vicus, Lagerdorf] Ein Bärenfell muss für das ganze Leben reichen - Druckversion

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[Vicus, Lagerdorf] Ein Bärenfell muss für das ganze Leben reichen - Catia - 09-21-2026

Sie hatte L. nicht wieder gesehen. Nie wieder. Als die Zeit ihrer Niederkunft nahte, ging sie zurück zu ihren Leuten. Vorher hatte sie alles verkauft, was sie besaß: Auch die feine Tunika, die ihr Rhea geschenkt hatte. Dafür hatte sie nun zwanzig Sesterzen im Gepäck.

Catia gebar einen Sohn. Sie nannte ihn Catiacos – Catias Kleiner, denn er hatte keinen Vaternamen. Sie ließ ihn und ihre Sesterzen bei ihrem Onkel Renan und ihrer Tante nördlich am Sabrinafluss, als sie Wochen nach der Geburt nach Iscalis zurückkehrte. Sie war bei ihnen nicht gut behandelt worden, doch Catiacos würden sie ordentlich aufziehen. Sie, Catia, bezahlte nämlich in römischen Münzen dafür, und außerdem war Catiacos ein Junge.

Catia ging also zurück nach Iscalis, der einzigen Stadt, die sie kannte und von der sie meinte, dass sie Geld verdienen konnte. Sie nahm jede Arbeit an, die ihr ein paar kupferne Assaria – jene kleinen, alltäglichen Asses, die man im einfachen Volk von Hand zu Hand reichte – einbrachte. Auf dem Forum tauschte sie dieses Kleingeld in die größeren, silberglänzenden Sesterzen um, von denen vier Stück den Wert eines Denars ergaben. Wenn sie einige beisammenhatte, schickte sie sie mit Andrippus, dem Silberhändler, zu Onkel Renan.
Ab und an besuchte sie Deirdre, die so gut zu ihr gewesen war, in Cheddar. Die Zwillinge und Aidan waren nicht mehr dort, denn ihre Väter hatten sie zu sich genommen, doch Deirdre und Owen hatten noch weitere Kinder bekommen.
Doch lebte sie, Catia, eher schlecht als recht.
Einmal lernte sie Bewohnerinnen des  Vicus, wie sie es nannten, kennen. Diese Frauen behaupteten Catia gegenüber, dass sie im nahe gelegenen Lagerdorf direkt vor den Toren der Castra der Legio II Augusta, viel mehr verdienen könnte. Die Frauen waren mehrheitlich Britannierinnen, ungeniert und gut gekleidet. Ihre Gesichter glänzten. Sie sahen nicht hungrig aus, in ihren Beuteln klimperten die Münzen.
Catia ging mit ihnen mit.

Im Vicus drängten sich Händler, Handwerker, Schenken und Bordelle dicht an dicht; es war ein lauter, schmutziger Ort voller Soldaten, britannischer  und gallischer Marketender und Frauen, die vom Sold der Legionäre lebten.
Die Soldaten dort bezahlten weitaus besser als die Iscaler Bürger. Ihre Tuniken waren oft verdreckt, hatten gar Blutflecken und viel war zu flicken. Catia löste die Flecken mit dem kalten Wasser vom Fluss, bleichte den Stoff in der Sonne und setzte feine, kleine Stiche, so dass ihre Kunden sie lobten. Sie gab sich Mühe, war zuverlässig und nicht zu teuer, und das sprach sich in den engen Gassen des Vicus schnell herum.

Ab und an fragte sie einer, ob sie sich nicht mit ihm zusammen tun wollte. Viele Römer hatten ein festes Liebchen im Lagerdorf. Diese Frauen lebten im Vicus nicht schlecht, führten oft eigene kleine Haushalte und bekamen mit den Legionären Kinder, auch wenn diese Verbindungen nach römischem Recht bis zum Ende der Dienstzeit der Soldaten illegal waren.

Doch Catia wollte nicht. Sie hatte keinen gern. Sie hatte ein einziges Mal in ihrem Leben mit all ihrer Kraft und all ihrer Seele geliebt. Der Mann war nicht geblieben. Die Erinnerung an ein Bärenfell, die reichte ihr, sie musste reichen. Sie würde nie wieder lieben.

Doch dann war es der mit dem roten Umhang, ein Centurio, der ständig zum Wäscheabgeben persönlich zu Catia kam. Erst machte sie Witze darüber, dann machte er Witze, dann wollte er ihr ein ganzes Goldstück geben – einen echten Aureus, die wertvollste Münze des Imperiums, rein und schwer.
Das stille Mädchen mit den roten Zöpfen und dem dunklen, forschenden Blick gefiel ihm wohl, das war ihm anzumerken.
"Du brauchst nichts zu tun und es geht schnell, das ist so leicht verdientes Geld", sprach er und musterte Catia von oben bis unten: "Du musst mich auch nicht gern haben, wenn du das nicht willst."

Catia hatte noch nie einen solchen Goldling in der Hand gehabt. Wie lange konnte sie mit diesem einen Aureus für Catiacos sorgen? Wie viele Sesterzen war es wert, dieses Blinkdings aus sonnengelbem Metall? Der Centurio sagte es ihr – ganze hundert Sesterzen war ein einziger Aureus wert –, und Catia wurde es schier schwindelig ob der Summe. Damit konnte Catiacos ein ganzes Jahr gut leben, eine neue Tunika konnte sie ihm kaufen und vielleicht sogar Spielsachen und Süßigkeiten.
Der Mann schmeichelte und bat und ja... Es wurde Centurio Paullus, wenn er denn überhaupt so hieß. Paullus kam selten bei Catia im Vicus vorbei. Er war dann höflich, bezahlte anstandslos, und ansonsten ließ er Catia ihre Freiheit. Keiner mischte sich ins Leben des anderen ein.

Catia dachte an ihre Mutter Regat. Wie lange schon war sie in der Anderswelt. Oder ob sie bereits wiedergeboren war? Auch Regat hatte in Burrium in einem Lagerdorf gelebt, nachdem Catias römischer Vater Aper sie verlassen hatte, und auch sie hatte sich und Catia auf die gleiche Weise durchgebracht, wie Catia nun für Catiacos sorgte. Nun war sie, Catia, also genau wie ihre Mutter. Nun würde man vielleicht auch ein Spottlied auf sie singen:

Regat, Regat, warte auf mich,
eines Tages hole ich dich,
kehre froh zu Dir zurück,
dann reicht es für ein kleines Glück...“


Aper kam nie zurück, niemals kam einer zurück; grausam war das Lied.


Die Jahre verstrichen. Catia war eine Frau geworden, die mit roten Händen und schnellem Guss die Wäsche wusch. Ihre Stimme war rau, wenn sie laut schimpfend andere Frauen von ihrem Stammplatz am Wasser vertrieb. Es waren sechs harte Jahre, in denen am Fluss Sabrina Catiacos bei Onkel und Tante gross wurde....