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RE: Contubernium Felicis, dritte Centurie, Cohors II
"Scheiße", dachte Nero. Er wurde in Gedanken vulgär, als helfe ihm eine rüde Ausdrucksweise, stand zu halten. Seine Mutter hätte ihm dafür den Mund mit Seifenlauge ausgewaschen. Bellator bewegte sich nicht viel, dennoch war es ihm, als ob er ihn verdrosch, nein, als ob er alle auf einmal verdrosch. Am härtesten traf es Varro, schien es ihm. Vielleicht weil er gut war, dachte Nero.
Es war ein Fehler, sich um die anderen Jungen Gedanken zu machen.
Nun traf der vitis Neros Schild mit solcher Wucht, dass das Holz gegen seine Brust zurückgedrückt wurde. Er konnte fühlen, wie ein Bluterguss wuchs, sich ausbreitete, ihm fast den Atem raubte. Der Stoß kam erneut, diesmal tiefer, zwang ihn, das Gewicht nach unten abzufangen. Noch einmal, seitlich, brachte ihn einen halben Schritt aus dem Gleichgewicht. Bellator ließ nicht locker.
Ob die Barbaren schlimmer waren als der?
Erst im letzten Moment ging der Optio weiter, zu Verus. Der hatte zu kämpfen. Einen Moment lang war Nero froh über die Atempause, aber dann dachte er daran, dass er mit Verus einen Wall bildete. Fiel Verus, fiel auch er. Man durfte nicht vom Einzelnen herdenken, sondern vom Ganzen. Sie gehörten zusammen. Verus, halt durch, dachte Nero. Heul von mir aus, aber bleib stehen.Er hatte begriffen, dass sie stehen bleiben mussten. Einen einzigen Augenblick dachte er, dass sie es schaffen konnten.
Der vitis hob sich erneut. Diesmal ohne jegliche Nachsicht. Der erste Stoß jetzt traf Nero frontal, härter als zuvor. Der Schild wurde zurückgedrückt, tief in seinen Körper hinein, zwang ihn, einen Schritt nachzugeben. Noch bevor er sich fangen konnte, folgte der nächste Schlag, seitlich, abrupt, riss die Spannung aus seinem Stand. Der Schlamm gab unter seinen Füßen nach. Bellator ging weiter hinein. Kein Abstand. Kein Raum. Ein dritter Stoß, tiefer angesetzt, traf die Kante des Schildes. Nero verlor endgültig den Halt. Seine Sandalen rutschten, das Gewicht kippte, und im nächsten Augenblick brach er aus der Linie und fiel in den Schlamm.
Der Mund voller Schlamm und Blut. Schmerz, wenn auch diffus. Aber noch mehr tat die Schande weh. Er war nicht stehen geblieben.
Wenn die Barbaren jetzt angreifen würden.... dann wäre Nero nicht wütender auf sie als auf sich selbst. Und ...auf Bellator. Die Wucht seiner Wut überraschte ihn selbst. Wie kann man jemanden bewundern und gleichzeitig hassen? Wie soviele widersprüchliche Gefühle haben? In Neros Kopf tobte es. Er hatte noch nie mit so vielen Widersprüchen fertig werden müssen.
Bellator ging, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Die Legionäre standen. Bei dem einen oder anderen ging der Atem schneller, war das Gesicht verzogen. Aber sie standen.
Die drei Rekruten lagen dagegen im Schlamm. Nero ahnte, dass es den anderen Jungen genauso ging wie ihm selbst.
Er fasste nach links, er fasste nach rechts:
"Verus? Varro?" Sprechen war, als platzte seine ausgedörrte Kehle auf:
"Kommt, ich helf euch. Ich hab noch einen Schmalztopf von zuhause unter meinem Bett" Jeder wusste, dass man Schweineschmalz auf blaue Flecken schmieren konnte. Aber Nero sagte nicht: Schweineschmalz, sondern etwas dazwischen: Scheine - schal" , Konsonanten bekam er gerade nicht heraus.
Wenn die anderen Jungen ihn ansahen, sahen sie sein schlammbeschmiertes, normalerweise gutmütiges Jungengesicht. Doch heute war noch etwas anderes dartin zu lesen als Freundlichkeit und Vorliebe für Süßes. Es waren Wut und Verbissenheit. Es war Durchhaltevermögen, auch wenn er noch so schwächlich und unbedeutend war. Nero war nicht zum Adler oder Löwen geboren. Er war eine Ameise.
"MeinsdieKeltensingenausoschli?", sagte Nero. Meint ihr, die Kelten sind genauso schlimm?"
Nero rappelte sich auf. Für ein gutes Wort vom Optio hätte er getötet. Selbst für ein böses. Aber da kam keines. Er streckte Verus und Varo je eine Hand hin, auch wenn er zitterte:
"Scheie", sagte er, was das andere Wort sein sollte. Er wiederholte es dreimal.
Sie würden davonschleichen wie geprügelte Hunde und erstmal ihre Wunden lecken.
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