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RE: Die Sonderlieferung
Es war noch immer arschkalt. Der Schlamm im Lager war noch hart. Man sank nicht ein, doch darüber zu laufen machte aufgrund der vielen Vertiefungen auch keine Freude. Zudem schien er die einzige Menschenseele zu sein, die sich zu dieser unrömischen Uhrzeit hier herumtrieb. Er dachte schon, der Kamerad hätte ihm einen Streich gespielt. Spott war er inzwischen gewöhnt, wenngleich man ihn meist als ‚gutmütig‘ bezeichnen konnte. Streiche… kamen auch vor. Diese Arschlöcher würden sich schlapplachen, wenn er todmüde den Tag rumbringen musste. Er war verärgert. War das Leben hier nicht schon schwer genug? Musste man es ihm noch übler machen? Marcus hatte die Nacht nicht vergessen, in welcher er in den Schlamm geworfen worden war. Der Schmerz, die Demütigung. Sie brannte manchmal noch immer heiß auf seinen Wangen, wenn er abends zu Bett ging. Und den Schmerz vergaß er sicher so bald nicht, denn er spürte ihn beinahe täglich. Und täglich fragte er sich, ob es eine gute Idee gewesen war, der Legion beizutreten. Was würde ihn anderes erwarten als das hier und noch mehr Elend, über Jahre hinweg, während andere den Ruhm für seine Plackerei ernteten?
Die Wahrheit war, er konnte nirgends anders hin. Niemand würde dem zweiten Sohn eines namenlosen Bezirksbeamten eine Chance geben. Nicht, wenn er etwas aus sich machen wollte. Mehr, als ein Hufschmied oder ein windiger Händler. Er hatte immer etwas von Bedeutung tun wollen. Und er wusste, wusste, dass er dazu in der Lage war! Doch wie es nun aussah, würde diese Chance nie kommen. Die beiden übrigen Rekruten ihrer Einheit, Nero und Verus, waren in einer ähnlichen Lage. Sie verstanden sich gut, doch auch bei ihnen fragte er sich, was sie noch hier hielt. Sie kamen kaum besser weg als er selbst. Nero war gutmütig und Verus gab dem Schmerz schnell nach. Beide waren noch da. Ein Teil von ihm war sogar froh darüber. Früher hätte er die beiden nicht beachtet, sie nicht als Kameraden betrachtet und ganz sicher nicht gemocht. Hier waren sie seine einzigen Verbündeten. Der gemeinsame Kampf ums Überleben in dieser Einheit hatte sie zusammengeschweißt. Bis zu dem Punkt, an dem ihr Schmerz sein Schmerz wurde. Ihre Demütigung seine Demütigung. Und ihre Angst die seine. Sie kannten sich erst so kurz und dennoch kam es ihm manchmal vor, als kenne er sie länger und besser als seinen eigenen Bruder.
Der frühe Morgen hatte den Jungen fast in die Knie gezwungen, als er Schritte hörte. Die Wachablösung für die Torwache womöglich?
Doch nein. Als Marcus erkannte, wer sich da in seine Richtung begab, rutschte ihm das Herz in die Hose. Der aurelische Optio hatte etwas an sich, das ihm eine gehörige Portion davon einflößte, was minder Kundige wohl als Respekt fehlinterpretiert hätten. Tatsächlich war es eine komplizierte Ansammlung ganz unterschiedlicher Gefühle, die der Anblick des voll gerüsteten Offiziers bei ihm auslöste. Da war noch ein Funke jenes trotzigen Zorns, den die Prügel mit dem Vitis in ihm geweckt hatte, doch auch eine ganze Spur Angst. Dieser Mann hatte die Mittel, ihm den Tag vollkommen zu ruinieren, eine Härte, die der Rekrut beinahe täglich am eigenen Leib zu spüren bekam und eine Undurchsichtigkeit, die ihn, der Menschen gerne las, ärgerte.
Marcus nahm sofort Haltung an. Sagte nichts, bewegte sich nicht. Doch seine Gedanken rasten. Suchten fieberhaft nach der Frage, was er falsch gemacht hatte. Ob dies nun der Augenblick war, dass man ihn in den Schlamm vor dem Tor warf, mit der Aufforderung, sich nie mehr blicken zu lassen. Ihre Blicke trafen sich. Jener, der nichts durchblicken ließ und jener, der dies nur von sich geglaubt hatte. Marcus‘ Aufmachung war wie immer tadellos, wenngleich die Ausrüstung inzwischen etwas gelitten hatte. Alle Schäden ausgebessert, der Dreck wegpoliert, doch die Gebrauchsspuren waren da. Marcus erwartete das stille Urteil inzwischen, doch dass sich der Optio zu keinem Wort hinreißen ließ und sich wortlos den Tieren zuwandte, verwirrte ihn. Noch immer konnte er den Mann vor sich nicht einschätzen. Schluckte einen nervösen Frosch im Hals herunter, beobachtete, wie ihm Aurelius die Leine des Maultiers reichte… und verstand. Das war keine Entlassung, sondern eine Art Auftrag. Ein Auftrag… für ihn allein? Oder… Oh Götter, nein… Der pure Schrecken, den er empfand, als er erkannte, dass er wer weiß wie lange mit dem Optio allein sein würde, war unbeschreiblich. Marcus hatte die Lippen fest aufeinandergepresst, nickte knapp und wickelte den Riemen der Leine um seinen Unterarm, bevor er dem Mann folgte. Dabei hatte er das Gefühl, jetzt an einen entlegenen Ort gebracht zu werden, um ihm dort den Garaus zu machen.
Sie ließen die Tore der Castra hinter sich, der Rekrut hinter dem Offizier. Nero und Verus würden noch schlafen und sich später fragen, wo er war. Das Schweigen war erdrückend. Die stille Morgenluft rief seine Unterarme kribbeln. Und schließlich, die Castra war bereits weit hinter ihnen, fasste sich der Junge ein Herz:
„Herr? Optio? Darf ich… Darf ich fragen, wo wir hingehen?“
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