Inam hielt den Kopf erhoben. Er hatte alles verloren, doch sein Stolz war ungebrochen.
Als schließlich die Brigantenkönigin an das Tor trat, stockte ihm für einen kurzen Herzschlag der Atem. Rhian entsprach so gar nicht der rauen Tristesse dieses Tages. Sie war jünger als er vermutet hatte, und sie stand da wie eine Erscheinung aus den alten Liedern: Unter ihrer dunklen Kapuze rahmten lange, wellige Kastanienhaare ein Gesicht von makelloser Schönheit. Auf ihrer Stirn schimmerte das Zeichen des Mondes, und ihre Augen glänzten kühl und wachsam im fahlen Sommerlicht.
Noch sprach sie nicht zu ihm. Einer ihrer Krieger fragte ihn, was er begehrte.
Auch Cenmonoc schaute zur Königin. Er spürte ihre Kraft. Menschliche Schönheit interessierte ihn nicht, aber hier war eine Frau, die mit den Göttern sprach. Cenmonoc ahnte Schuld und etwas Dunkles wie ein Blutopfer. Hinter der Schönheit dieser Frau steckte mehr als auf den ersten Blick sichtbar war.
Inam neigte das Haupt, gerade so viel, wie es der Respekt verlangte, und seine tiefe Stimme antworte nicht dem Soldaten, sondern der Brigantin selbst:
" Slānijā tibei, Rīgonā!“ Heil dir Königin
Inam ignorierte die Wache. Seine Augen blieben fest in Rhians Blick verankert. Ein schmales, fast trotziges Lächeln stahl sich auf seine Lippen:
" Was ich will, meine Lady“, erwiderte Inam ruhig, aber mit einer Intensität, die jeden Mann am Tor aufhorchen ließ, "ist nicht für aller Ohren bestimmt.“
Ein leises Raunen ging durch die Reihen der brigantischen Krieger.
Der Neuankömmling war hochmütig, ja fast unverschämt.
Nun wäre es nämlich erst einmal an der Reihe gewesen, die üblichen Geschenke, wenn zwei königliche Häuser in Kontakt traten, zu übergeben. Aber Inam Ap Catti kam mit leeren Händen.
Er breitete die Arme leicht aus, die Handflächen nach oben gerichtet. Er besaß kein Gold mehr, keine feinen Stoffe, keine verzierten Amphoren. Doch besaß er seinen Hass gegen Rom, genährt durch den Druidenschüler.
"Mein Gastgeschenk o edle Konigin“, sagte er, und seine Stimme hallte von den Steinmauern wider,
"sei der Flug der Krähen, die über unseren Feinden kreisen. Es sei der Mut der Falken, die sich aus den Wolken stürzen. Es sei die Schlauheit des Fuchses, der die Fallen der Jäger umgeht.“
Er legte die Hand langsam und demonstrativ auf den Griff seiner eigenen Waffe:
"Und mein Gastgeschenk ist dieses Schwert. Bereit, geschwungen zu werden gegen die gierige Wölfin aus Rom, die unserer aller Welt bedroht und Stück für Stück verschlingt.“
Inam verstummte. Immer noch krächzten viel zu viele Krähen. Er erwartete das Urteil der Königin, die so glänzend und lieblich war wie das Gestirn, dessen Abbild ihre Stirn zierte.