Eine Entscheidung
Die meisten Erntearbeiter hatten die Unterkünfte verlassen; ihre lauten Stimmen und das herbe Lachen, das wochenlang über den Hof geschallt war, waren mit dem Ende des Spätsommers verflogen. Zurück geblieben waren nur die leeren, abgeernteten Felder und die Stille, die nun über der Villa Rustica lag, obwohl immer noch genug Menschen hier lebten.
Es gab noch viel zu tun, bevor der erste Frost im Dezember den Boden hart gefrieren ließ. Ich blickte hinauf zum Dach, wo das morsche Stroh und Schilf an mehreren Stellen tief eingesunken war. Der britannische Herbstregen würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, und wenn wir die undichten Stellen jetzt nicht ausbesserten, würde das Wasser bald ungehindert auf die Schlafplätze tropfen.
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Halt den Balken fest, Durs“, rief ich über die Schulter und hob den schweren Holzhammer. Durs trat näher und stemmte sich mit der linken Schulter gegen das Holz. Auch wenn sein rechter Arm schwach war, links war Durs so stark wie ein Auerochse.
Als das Holz endlich saß, stieg ich von der wackeligen Konstruktion herab. Die nächste Aufgabe wartete schon an den Außenwänden. Das alte Flechtwerk hatte über das Jahr gelitten, und der Wind drückte den Rauch der Feuerstellen immer wieder zurück ins Innere. Ich bückte mich zu dem hölzernen Trog, in dem wir frischen, feuchten Lehm mit Stroh vermischt hatten.
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Dichten wir die Spalten ab, sonst frieren uns Leute nachts“, sagte ich und reichte Durs den kleineren Eimer....
In der Ferne erblickte ich den blonden Haarschopf von Quiwon. Mein Sohn kam rasch näher, er rannte in großen Sprüngen. Ich sah ihn an, dass er außer Atem war, ließ Durs alleine weiterwursteln, und ging ihm daher entgegen. Als Quiwon mich erreicht hatte, öffnete er wortlos seine Hand und zeigte mir einen Büschel roter Tierhaare.
Ich kniff die Augenbrauen zusammen:
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Fuchs? Wo hast du die gefunden? In der Nähe unserer Hühner? "
Quiwon, noch immer außer Atem, schüttelte den Kopf:
" Es ist der Fuchs aus meinem Traum" , sagte er dann leise: " Er ist böse und kämpft mit den Adlern. Tante Gerwina macht sich Sorgen wegen ihm."
Ich ging ein Stück des Weges mit meinem Sohn und legte ihn eine Hand auf die Schulter:
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Und du? Hast du Angst?", fragte ich ihn.
Quiwons schüttelte den Kopf:
" Er ist nicht hier. Er kommt nicht her. Aber er will herein bei Tante Gerwina und Onkel Eisu"
Ich wartete ab, was Quiwon noch sagen würde. Ich wusste, dass er
Dinge sah und mit dem einheimischen
schönen Volk gut Freund war.
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Tante Gerwina hat ihn also auch gesehen?"
Quiwon schenkte mir einer seiner blauen, ganz klaren Blicke:
" Ja!"
Ich wollte noch weiter fragen, sah aber, dass Quiwon erschöpft wirkte. Er war noch ein kleiner Junge. Ich wusste jedoch, dass er nicht wirklich von einem Tier sprach. Der Fuchs war eine Gefahr für Clara. Sofort ergriffen mich große Unruhe und Sehnsucht nach meiner Schwester. Wir waren immer unzertrennlich gewesen, bis der große Kelte Eisu sie mir weggenommen hatte....ach Unsinn, dachte ich, sie haben sich verliebt. Gerwina verdient eine eigene Familie. Es war selbstsüchtig, sie am liebsten als Tante und Schwester für immer auf unserem Hof behalten zu wollen.
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Wir werden dafür sorgen, dass weder vier- noch zweibeinige Füchse unsere Hühner holen. Und sie tun auch Tante und Onkel nichts. Vertraue mir, Quiwon. Du bist noch zu jung, um dir Sorgen um Erwachsene zu machen. Dafür sind wir hier. Und nun gehe spielen - schau, da kommt dein Freund Spiros"
Mir war wichtig, dass Quiwon nicht ängstlich wurde. Seine Gabe musste den Sechsjährigen oft genug erschrecken.
Spiros war ein junger Sklave, der eigentlich den Furiern gehörte. Aber er liebte das Landleben und war seit Kindesbeinen immer bei uns. Er und Quiwon waren gute Freunde, und Quiwon sprach durch diese Freundschaft fließend Griechisch.
Spiros hatte einen Brief für mich. Ein Bote vom Comuxhof hatte ihn gebracht. Er ruhte sich gerade bei Fenia aus, aß etwas und wartete auf die Rückantwort. Ich wunderte mich schon über nichts mehr.
Während die Jungen sich trollten, nahm ich die Tabula zur Hand. Wenn ich etwas gelernt hatte, dann das: Es gab wenig Zufälle. Quiwons Rede über den Fuchs und jetzt der Brief meiner Schwester, sie hatten miteinander zu tun. Ich las:
Ad:
Publius Gabinius Secundus
Mein lieber Bruder Sonnwin,
ich hoffe, dieser Brief erreicht dich, Stella, den Onkel und die Kinder wohlbehalten und in guter Gesundheit. Es ist nun über ein Jahr vergangen,
seit wir uns das letzte Mal sahen, und ich vermisse dich sehr.
Oft denke ich an unsere Kindheit zurück, an die unbeschwerten
Stunden, die wir in den Wäldern unserer Heimat verbracht haben,
und mein Herz sehnt sich nach Dir und unserer Heimat.
Mein Ehemann Eisu Ap Comux behandelt mich mit Liebe und Zuneigung.
Unsere Verbindung ist stark, und ich fühle mich glücklich und geborgen
an seiner Seite, und wir erwarten im Herbst den Nachwuchs.
Dennoch sorge ich mich um unser Wohlergehen.
Der Cousin von Eisu, der Prinz Inam, plant eine Rebellion gegen die Römer und hat Eisu um Beistand gebeten, doch mein Mann hat sich dagegen entschieden, denn er wünscht Frieden für sein Volk und für uns alle.
Bitte schreibe mir bald, lieber Sonnwin.
Du bist immer in meinen Gedanken und in meinem Herzen.
Ich umarme Dich und die Deinen.
Deine Schwester Gerwina
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Eine Welle der Rührung erfasste mich, als ich las, dass meine kleine Schwester ein Kind erwartete. Sie war allen eine liebevolle Tante gewesen und würde eine gute Mutter sein. Sie schien auch glücklich mit ihrem Eisu zu sein.
Ihre Worte über unsere gemeinsame Kindheit riefen mir die weiten, ernsten Wälder des Nordens in den Sinn. Wie lange hatten ich ihrer nicht mehr gedacht?
Dann kam es mir: Meine Heimat war nun Britannien. Ich liebte unser Stück Erde.
Ob Britannia auch Gerwinas Heimat geworden war?
Doch beim Lesen des letzten Abschnitts ließ ich den Brief sinken. Ein Fuchs, der gegen die Adler kämpfte? Ein Dobunni - Rebell gegen Rom? Wie lange hatten wir Chatten gelitten nach unserer eigenen Rebellion, und wir hatten Glück gehabt, dass es uns überhaupt noch gab. Natürlich würde Eisu sich so etwas nicht anschließen, er war ein römischer Bürger wie wir und auch viel zu klug für solchen Irrsinn. Aber ein ehrgeiziger Prinz aus seinen Volk? Kein Wunder, dass sich Gerwina Sorgen machte.
Rom könnte alle Dobunni in einen Topf werfen.
Sorge und die Sehnsucht danach, Gerwina so schnell wie möglich wieder zu sehen, ergriffen mich mit aller Macht
Die Erntezeit war fast zu Ende. Ob ich anstatt eine Antwort zu verfassen, lieber selbst zum Comuxhof reiten sollte?
Je mehr ich darüber nachdachte, desto besser schien mir dieser Plan..Aber zuerst wollte ich mit meiner Fridila darüber sprechen und ihr den Brief zeigen ....