Der Tod des Kaisers hatte das Reich nicht zum Stillstand gebracht. Das war vielleicht das Erste, was Bellator daran bemerkte. Die Sonne ging weiterhin über Britannien auf, die Wachposten wechselten ihre Plätze, die Schmiede hämmerten auf glühendes Eisen und die Legionäre verrichteten ihre täglichen Pflichten. Befehle wurden erteilt, Vorräte gezählt, Ausrüstung instand gesetzt. Das Leben in der Castra folgte seinem gewohnten Rhythmus, als wäre in Rom nicht gerade ein Mann gestorben, dessen Name auf Münzen geprägt und dessen Wille über Millionen Menschen gestellt worden war. Und doch hatte sich etwas verändert. Bellator hatte die Nachricht zunächst mit jener nüchternen Aufmerksamkeit aufgenommen, die er sich über die Jahre angewöhnt hatte. Ein Kaiser war tot. Das war keine alltägliche Nachricht, aber auch keine, die einen erfahrenen Soldaten überraschen musste. Kaiser starben. Manche eines natürlichen Todes, andere durch Krankheit, Gift oder die Hände jener Männer, die ihnen zuvor Treue geschworen hatten. Das Reich hatte solche Tage erlebt und würde vermutlich auch diesen überstehen. Dennoch beschäftigte ihn die Nachricht mehr, als er sich zunächst eingestehen wollte. Nicht der Tod des Mannes selbst. Bellator hatte ihn nie gesehen, nie seine Stimme gehört und wusste wenig über ihn, das über die offiziellen Bekanntmachungen hinausging. Was ihn beschäftigte, war das, was nun folgen konnte. Ein neuer Kaiser bedeutete neue Günstlinge, neue Versprechen und möglicherweise neue Befehle. Vielleicht würde sich für die Legion nichts ändern. Vielleicht würden sie weiterhin in ihren Kastellen an den Grenzen des Reiches stehen, während in Rom Männer um Einfluss rangen. Aber vielleicht würde auch Britannien wieder stärker in den Blick des Hofes geraten. Neue Feldzüge, neue Grenzbefestigungen, neue Forderungen an jene, die weit entfernt von den Marmorprachtbauten der Hauptstadt ihren Dienst verrichteten. Bellator kannte die Unruhe, die solche Nachrichten unter den Männern auslösen konnten. Die einen hofften auf Beute und Beförderungen, andere fürchteten Versetzungen oder einen Krieg, dessen Gründe sie niemals verstehen würden. Und manche würden sich bereits fragen, ob der nächste Kaiser ein besserer Herrscher sein würde. Bellator hielt wenig von solchen Hoffnungen. Ein Kaiser konnte gerecht sein oder grausam, klug oder töricht. Für einen Legionär änderte das an seiner Pflicht zunächst wenig. Rom war größer als der Mann, der auf ihrem Thron saß. Es musste größer sein, wenn es den Tod eines Kaisers überdauern sollte. Trotzdem wusste Bellator, dass die Treue eines Soldaten nicht auf ewig abstrakt bleiben konnte. Irgendwann musste sie sich auf einen Namen richten, auf einen Befehl, auf einen Menschen aus Fleisch und Blut. Und wenn dieser Mensch starb, musste ein anderer an seine Stelle treten. Er fragte sich, wie viele Männer in der Legion das verstanden. Wie viele von ihnen Rom dienten und wie viele lediglich dem Kaiser, dessen Bild sie auf ihren Feldzeichen und Münzen sahen. Vielleicht war das eine Unterscheidung, die sich erst dann zeigte, wenn es schwierig wurde. Sein Blick wanderte über den Exerzierplatz, wo die Rekruten ihren Übungen nachgingen. Auch Marcus Varro war dort. Der Junge hatte sich in den vergangenen Wochen verändert, wenn auch nicht so sehr, dass man es auf den ersten Blick erkennen musste. Sein Ehrgeiz war geblieben, ebenso seine Neigung, mehr wissen zu wollen, als man ihm gerade zugestand. Doch er begann langsam zu begreifen, dass Dienst nicht immer bedeutete, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Bellator fragte sich, was Marcus von der Nachricht hielt. Vermutlich dachte er bereits darüber nach, was ein neuer Kaiser für seine eigene Zukunft bedeuten könnte. Vielleicht sah er darin eine Gelegenheit, vielleicht eine Bedrohung. Der Optio konnte es ihm nicht verdenken. Er selbst hatte in diesem Alter ebenfalls geglaubt, dass große Veränderungen große Möglichkeiten mit sich brachten. Heute wusste er, dass die meisten Veränderungen zunächst nur eines verlangten: dass ein Mann seinen Platz behielt, während die Welt um ihn herum ins Wanken geriet.
Schließlich hatte den Befehl erhalten, sich beim Legatus Legionis einzufinden, ohne dass ihm der Grund dafür genannt worden war. Allein der gewählte Ort hätte einem aufmerksamen Mann zu denken geben müssen. Das Tabularium war kein Ort für gewöhnliche Befehle. Hier wurden keine Marschrouten besprochen, keine Ausrüstungsmängel gemeldet und keine Disziplinarstrafen verhängt. Hier lag das Gedächtnis der Legion, festgehalten auf Wachstafeln und in Papyrusrollen, und gewöhnlich suchte man diesen Raum nur auf, wenn etwas von Bedeutung zu bewahren oder zu verbergen war. Bellator hatte die Nachricht vom Tod des Kaisers Titus bereits vernommen. Er ahnte, was ihm bevorstand. Die Reaktionen waren unterschiedlich ausgefallen. Einige hatten geschwiegen, andere geflucht, manche hatten sich sofort über den Nachfolger ausgelassen, als hätten sie Domitian persönlich gekannt. Bellator selbst hatte sich mit einem Urteil zurückgehalten. Der Kaiser war für ihn vor allem ein Name gewesen, der auf Befehlen, Münzen und offiziellen Bekanntmachungen stand. Dass dieser Name nun aus den Verlautbarungen verschwinden würde, änderte zunächst nichts an seinem Tagesablauf. Und doch war ihm bewusst, dass der Tod eines Kaisers niemals nur den Tod eines Mannes bedeutete. Gerade unter den älteren Legionären gab es Männer, die sich noch an die Unruhen früherer Jahre erinnerten, an die Unsicherheit und die Gewalt, die aus einem Streit um den Thron erwachsen konnten. Bellator hatte gelernt, solche Männer ernst zu nehmen. Nicht jeder Unzufriedene war ein Aufrührer, und nicht jeder, der laut fluchte, war bereit, sein Schwert gegen Rom zu erheben. Aber eine Kohorte konnte sich schneller in eine aufgebrachte Menge verwandeln, als ein Offizier seine Befehle neu ordnen konnte. Er dachte an seine eigenen Männer. An die Gesichter, die er seit Jahren kannte, an jene, die er ausgebildet hatte und die inzwischen selbst erfahrene Legionäre waren. Er wusste, wer sich mit einem knappen Befehl zufriedengab und wer erst dann gehorchte, wenn er den Sinn dahinter verstand. Er wusste auch, wer bei einem Becher süßen Wein große Reden schwang und am nächsten Morgen wieder schweigend seine Ausrüstung polierte. Die eigentliche Gefahr lag nicht unbedingt bei den Lautesten. Sie lag bei jenen, die im richtigen Augenblick die richtigen Worte fanden und den Unmut anderer für ihre eigenen Zwecke nutzten. Ein Gedanke, der ihm missfiel. Bellator war Soldat. Er hatte seine Stellung nicht durch politische Verbindungen erreicht und besaß wenig Geduld für Männer, die ihre Karriere mit Schmeichelei und Gefälligkeiten vorantrieben. Der Legatus Legionis war für ihn dennoch der Oberbefehlshaber, und dessen Herkunft aus dem Senatorenstand änderte daran nichts. Er würde einem Befehl folgen, solange dieser rechtmäßig war und dem Dienst an Rom entsprach. Doch er konnte sich vorstellen, wie die einfachen Legionäre den Kommandanten sahen. Ein Mann aus einer Welt, die mit ihren Sorgen wenig gemein hatte. Einer, der vermutlich niemals mit einem Schildarm gezittert hatte, nachdem er stundenlang in der Formation gestanden hatte. Bellator wusste, dass Respekt nicht allein durch Rang entstand. Er wurde verdient, im Alltag, in der Gefahr und durch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb der Legatus ihn hatte rufen lassen. Der Gedanke gefiel ihm nicht besonders. Nicht, weil er sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlte, sondern weil er ahnte, dass es um mehr gehen könnte als um einen einfachen Befehl. Wenn der Kommandant tatsächlich beabsichtigte, ihn vor die Männer zu stellen, um den Eid auf Domitian abzulegen, würde er eine Verantwortung tragen, die weit über seine Stellung als Optio hinausging. Er war kein Tribun, kein Centurio und schon gar kein Politiker. Er war einer von ihnen. Ein Mann, der seine Jahre im Dienst verbracht hatte, der dieselben Märsche gegangen war und dessen Hände ebenso viel Staub, Schweiß und Blut gesehen hatten wie die ihren. Das konnte ihm helfen. Es konnte ihn aber auch zum Ziel machen, falls die Männer den neuen Kaiser ablehnten. Bellator dachte an Titus und daran, dass ein guter Kaiser nicht zwangsläufig einen guten Nachfolger hinterließ. Domitian mochte sich als würdiger Herrscher erweisen. Vielleicht würde er die Grenzen sichern, die Soldaten angemessen bezahlen und dem Reich Stabilität bringen. Vielleicht auch nicht. Bellator hatte nicht vor, sich ein Urteil über einen Mann zu bilden, dessen Herrschaft gerade erst begonnen hatte. Er würde nicht aus Zuneigung schwören und nicht aus Abneigung verweigern. Der Eid galt dem Imperium, der Ordnung und dem Kaiser, der nun an dessen Spitze stand. So hatte er es verstanden, seit er selbst den sacramentum geleistet hatte. Dennoch blieb eine Frage, die er nicht einfach beiseiteschieben konnte: Was würde geschehen, wenn die Männer ihm folgten, nicht weil sie Domitian vertrauten, sondern weil sie Bellator vertrauten? Er kannte den Unterschied. Und er wusste, dass er ihn nicht leichtfertig ausnutzen durfte. Ein Optio führte Männer, er besaß sie nicht. Ihre Treue war kein persönlicher Besitz, den er dem Legatus als Pfand überreichen konnte. Wenn er vor sie trat, musste er ihnen etwas sagen, das er selbst vertreten konnte. Keine politischen Versprechungen. Keine Lobreden auf einen Kaiser, den sie nicht kannten. Nur die Wahrheit, soweit ein Soldat sie aussprechen durfte. Rom brauchte Stabilität. Die Legion brauchte Disziplin. Und niemandem war damit gedient, wenn Männer wegen eines Herrscherwechsels ihre Waffen gegeneinander richteten. Bellator strich mit dem Daumen über die raue Stelle an seinem Gürtel, während er sich dem Archiv näherte. Er wusste nicht, was der Legatus von ihm verlangen würde. Aber er würde zuhören, die Lage beurteilen und erst dann sprechen. Denn wenn er eines in all den Jahren gelernt hatte, dann dies: Ein Befehl konnte in einem Atemzug gegeben werden. Die Folgen eines unbedachten Wortes hingegen konnten eine ganze Legion verfolgen.
Er hatte den Legatus während dessen Ausführungen nicht unterbrochen. Er stand ruhig vor ihm, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und ließ die Worte auf sich wirken. Dass der Kommandant auf das übliche Protokoll verzichtete, war ihm nicht entgangen. Ebenso wenig die Art, wie er sich umsah, bevor er von den Gerüchten sprach. Das hier war tatsächlich kein gewöhnlicher Befehl. Es war eine Angelegenheit, bei der ein falsches Wort mehr Schaden anrichten konnte als eine schlecht geführte Kohorte im Gefecht. Domitian. Der Name stand nun also im Zentrum ihrer Sorgen. Bellator kannte die Gerüchte über die Donativa nicht im Einzelnen, doch er kannte die Männer, die sie verbreiteten. Es waren selten jene, die sich um die Zukunft des Reiches sorgten. Meist ging es ihnen um den eigenen Geldbeutel, um Anerkennung oder um eine Gelegenheit, sich gegen Vorgesetzte aufzulehnen. Ein Soldat konnte viel ertragen, solange er wusste, wofür er es tat und dass sein Dienst nicht als selbstverständlich betrachtet wurde. Doch wenn man ihm den Eindruck vermittelte, dass man ihn um seinen rechtmäßigen Sold oder seine Belohnung brachte, konnte selbst die treueste Kohorte unruhig werden. Bellator wusste auch, dass der Legatus nicht grundlos ihn ausgewählt hatte. Er war kein Mann aus der ersten Kohorte, kein Primus Pilus und kein Offizier, dessen Rang allein die Männer zum Schweigen bringen würde. Er war einer von ihnen. Er hatte mit ihnen im Regen gestanden, ihre Ausrüstung geprüft, sie auf dem Exerzierplatz an ihre Grenzen gebracht und manche von ihnen nach einem Gefecht wieder auf die Beine geholfen. Wenn er sprach, hörten sie zu. Aber ob sie ihm auch folgen würden, wenn er ihnen einen Eid auf einen Kaiser abverlangte, den viele von ihnen kaum kannten, war eine andere Frage. Bellator senkte den Blick für einen kurzen Augenblick auf die Karte, die hinter dem Legaten aufgespannt war. Er dachte an die Männer der zweiten Kohorte, an die alten Hasen und die jungen Rekruten, an jene, die Titus vielleicht tatsächlich verehrt hatten, und an jene, die sich bereits jetzt fragten, ob Domitian ihre Lage verbessern oder verschlechtern würde. Er dachte auch an die vierte Kohorte. Ein Gerücht musste nicht wahr sein, um gefährlich zu werden. Es musste nur glaubwürdig genug klingen, um den Unmut der Männer zu nähren.
Schließlich hob er den Blick wieder.
„Ich werde den Eid sprechen, Legatus.“, Seine Stimme war ruhig und fest, „Und ich werde dafür sorgen, dass die Männer verstehen, was von ihnen erwartet wird.“
Er ließ eine kurze Pause entstehen, ehe er fortfuhr.
„Aber ich werde ihnen keine Versprechen machen, die ich nicht halten kann. Ich werde ihnen nicht sagen, dass Domitian ein guter Kaiser sein wird. Das weiß keiner von uns. Und ich werde ihnen auch nicht erzählen, dass die Gerüchte über die Donativa wahr oder falsch sind, solange wir keine Gewissheit haben.“
Bellator hielt dem Blick des Legaten stand.
„Die Männer werden einen Eid leisten, weil sie Soldaten Roms sind. Nicht, weil sie einen Mann lieben, den sie nie gesehen haben.“
Er wusste, dass diese Unterscheidung wichtig war. Vielleicht sogar wichtiger, als der Legatus in diesem Augenblick hören wollte.
„Wenn ich vor sie trete, werde ich ihnen sagen, dass ein Kaiserwechsel kein Grund ist, die Reihen zu verlassen. Dass Rom nicht mit dem Tod eines Herrschers endet und dass unsere Pflicht nicht davon abhängt, ob uns sein Nachfolger gefällt. Aber ich werde ihnen auch nicht vorwerfen, Fragen zu haben. Wer seine Männer nur zum Schweigen bringt, wird nicht erfahren, was sie wirklich denken.“
Einen Moment lang schwieg er. Die Öllampe flackerte, und irgendwo zwischen den Regalen knackte trockenes Holz. Bellator wusste, dass er sich mit dieser Antwort nicht dem Befehl widersetzt hatte. Er hatte ihn angenommen. Aber er hatte dem Legaten zugleich deutlich gemacht, dass er die Männer nicht wie eine Herde vor sich hertreiben würde.
„Ich werde den Eid sprechen, Legatus. Und ich werde dafür sorgen, dass sie mir zuhören. Was sie danach daraus machen, wird sich zeigen.“